An zwei Abenden präsentierten die Iuvenes Cantores, das P-Seminar Musik und das Schüler-Lehrer-Orchester das Werk in der Aula unter der Leitung von Bernhard Falk und Johanna Steinbauer.
Brundibar wurde im Ghetto Theresienstadt zwischen 1942 und 1944 von den jüdischen Kindern gespielt. Der Komponist Hans Kràsa war dort ebenso interniert. Wie die Kinder fand er seinen Tod in den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz.
Die Niederalteicher Inszenierung ließ das Stück selbst vom tragischen Zeitbezug unberührt. In der Kindergeschichte um ein Geschwisterpaar (Lea Weinberger als Aninka, Anna Loibl als Pepicek), das für die kranke Mutter Milch auf dem Marktplatz organisieren will, agierten die Schülerinnen und Schüler frei und ungezwungen und sorgten mit überspitzter Charakterzeichnung für herrliche Lacher. Allen voran Emil Apfl als protzig auftrumpfender Leierkastenmann Brundibar, der die Kinder verscheuchen will, vom Team Katze (Emma Hauzenberger), Spatz (Amalia Dobrota) und Hund (Rastko Opacic) aber vertrieben wird. Brillant stellte Josef Bloch den strengen Polizisten dar, der über die Geschehnisse auf dem Marktplatz wacht. Witzige Miniaturen lieferten die Händler, die auf dem Marktplatz Eis, Brot und Milch verkauften. Der Chor überzeugte durch stimmliche Präsenz und gestische Kommentierung. Der dramatische Kampf um den Marktplatz mündete im mitreißenden Finale „Ihr müsst auf Freundschaft baun“, mit dem die Kinder den Sieg über Brundibar feiern und den Wert der Gemeinschaft hochhalten.
Dann gibt es aber die zweite Ebene der Geschichte, den historischen Subtext. Ihn verkörperten die Iuvenes Cantores schon zu Beginn, als sie Taschen und Koffer vor der Bühne ablegten. Nach dem Schlussapplaus nahmen sie diese wieder auf, riefen ihre Namen und stiegen still die Treppe der Aula hinauf. Die klare Symbolik kontrastierte zum heiteren Spiel und warf den dunklen Schatten der Zeitgeschichte über den erlösenden Schlussgesang. Brundibar ist beides: Happy-End-Theater und erschütterndes Dokument.
In musikalischer Hinsicht führte der Abend vor, wie folgenreich die kulturelle Vernichtung durch die Nationalsozialisten war. Deren radikales Vorgehen löschte mit Kràsa, Schulhoff und vielen anderen tschechisch-jüdischen Komponisten wesentliche Persönlichkeiten der musikalischen Avantgarde der Zeit aus, samt ihrer Werke, die im heutigen Konzertleben selten gespielt werden. Brundibar selbst ist das beste Zeugnis der kompositorischen Qualität dieser Künstlergeneration. Es ist ein für Kinder anspruchsvolles Werk, das in der farbigen Chromatik manchmal die Atonalität streift. In Niederalteich klang es mühelos und leicht. Zurecht wurden beide Aufführungen frenetisch gefeiert.
Bernhard Falk / 29.01.2026
Sr. Gratia M. Rotter, stellvertretende Schulleiterin, in ihrer Begrüßung am 27. Januar 2026:
"Zuerst war es nur die Idee, sich mit dem Chor der Iuvenes an eine anspruchsvollere Aufgabe zu wagen und eine Kinderoper aufzuführen. Sie entstand bereits im vergangenen Schuljahr – zunächst ohne einen festen Termin. Aus dem hintergründigen Ernst, der in der Werkgeschichte der Oper von Hans Krása mitschwingt, erwuchs der Gedanke, der Aufführung auch einen sensiblen Rahmen zu geben. So wählte Herr Falk bewusst den heutigen Tag, der der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ist.
Heute, am 27. Januar vor 81 Jahren befreiten sowjetische Truppen das Konzentrations- und Vernichtungslager Ausschwitz, in dem auch Hans Krása, der Komponist, und viele der Kinder und Musiker, die im Lager Theresienstadt an den Aufführungen mitgewirkt hatten, ermordet worden waren. Der 27. Januar wurde vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1996 – also vor 30 Jahren – zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärt. Und am 27. Januar 2006 – vor 20 Jahren – fand erstmals eine offizielle Gedenkfeier der Vereinten Nationen statt, mit der dieser Tag eine weltweite Bedeutung erhielt. So spinnen sich manchmal absichtslos besondere Fäden und verleihen dieser Veranstaltung heute Abend einen ganz eigenen Akzent, weil sich hier und heute Erinnerung und Gegenwart, Verantwortung aus der Geschichte und Versprechen für die Zukunft in besonderer Weise verdichten.
Die Aufführung der Kinderoper Brundibar macht für uns Erinnerung lebendig und zeigt uns, dass diese nicht nur durch Zahlen, Daten und historische Fakten getragen wird, sondern auch durch Kunst, durch Stimmen von Kindern, durch gemeinsames Singen und Spielen. Diese Form des Gedenkens heute Abend verbindet Leichtigkeit und Ernst, Gegenwart und Geschichte, sie lässt die Erinnerung hörbar, anschaulich und erfahrbar werden.
Erfahrbare Erinnerung an die Zeit totalitärer Regime in Europa und Deutschland ist für unsere jungen Menschen heute besonders wichtig. Wir erleben zunehmend, dass Demokratie kein selbstverständlicher Zustand ist, dass sie verletzlich ist – überall dort, wo Wahrheit relativiert wird, Sprache verroht und Ausgrenzung normalisiert wird; wo Angst politisch genutzt wird und Menschen aufhören, einander zuzuhören. Demokratie gerät nicht nur dort in Gefahr, wo Wahlen eingeschränkt und Opposition in Autokratien unterdrückt wird, sondern auch zunehmend in etablierten Demokratien durch instabile Institutionen, wirtschaftliche Ungleichheit, politische Polarisierung und digitale Desinformation.
Erinnerungskultur bedeutet deshalb mehr als Rückblick. Sie ist eine aktive Haltung: Sie fragt, wie wir heute miteinander umgehen, wie wir Unterschiede aushalten, wie wir Solidarität leben und Verantwortung übernehmen. Wenn Kinder heute Abend für uns ein Werk aufführen, das auch unter menschenunwürdigsten Bedingungen Hoffnung, Gemeinschaft und Mut ausdrückte, dann ist das ein starkes Zeichen – nicht rückwärtsgewandt, sondern nach vorn gerichtet. Möge diese Aufführung uns daran erinnern, warum es diesen Gedenktag gibt. Und möge sie uns daran erinnern, dass Freiheit, Menschlichkeit, Solidarität und Demokratie immer wieder neu gelernt, geschützt und gelebt werden müssen.
Doch nun Bühne frei für die Kinder, für ihre Stimmen, ihre Spielfreude und für die Musik; ein herzlicher Dank geht an alle Mitwirkenden und die Lehrkräfte Herrn Falk und Herrn Gsödl, Frau Steinbauer, Frau Sager und die ganze Fachschaft Musik, die dieses gemeinsame Projekt möglich gemacht haben."


































