St.-Gotthard-Gymnasium der Benediktiner Niederaltaich

Begegnung mit jüdischem Leben heute

Gäste der Israelitischen Kultusgemeinde Straubing/Niederbayern am St.-Gotthard-Gymnasium

Am 04.03.2026 durfte das St.-Gotthard-Gymnasium Niederalteich besonderen Besuch begrüßen: Auf Einladung von Peter Hatzl, Fachschaftsleiter Geschichte/Politik und Gesellschaft, waren die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Straubing/Niederbayern, Anna Zisler, sowie Elias Schulmann zu Gast an unserer Schule. Begrüßt wurden die Gäste von Schulleiter Johann Lummer.

Eingeladen waren die beiden Referierenden insbesondere für die Schülerinnen und Schüler des Leistungsfaches Geschichte der Q12 sowie für die 9. Jahrgangsstufe, in der die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoa einen zentralen Platz im Lehrplan einnimmt. Ziel der Veranstaltung war es, jüdisches Leben in Bayern heute sichtbar zu machen, persönliche Begegnung zu ermöglichen, Vorurteile abzubauen und Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen in den Blick zu nehmen.

Den Auftakt machte Frau Zisler mit einem eindrucksvollen Vortrag, in dem sie zunächst die Organisation des Judentums erläuterte: Anders als in hierarchisch aufgebauten Kirchenstrukturen ist das jüdische Gemeindeleben stark gemeindebasiert, getragen von religiösen, kulturellen und sozialen Aufgaben.

Anhand der jüdischen Gemeinde Straubing stellte sie zentrale Aspekte jüdischen Lebens vor – darunter den Ablauf eines jüdischen Gottesdienstes, insbesondere des Schabbat, sowie die vielfältigen Aufgaben der Gemeinde: religiöse Betreuung der Mitglieder, religiöse Erziehung der Kinder, Bestattungen, aber auch Führungen durch die Synagoge und Angebote des interreligiösen Dialogs. Obwohl Frau Zisler das lange jüdische Erbe in Bayern und Straubing betonte, konzentrierte sie sich bewusst auf die Zeit nach 1945. Sie schilderte die Situation jüdischer Überlebender als sogenannte Displaced Persons nach Kriegsende, den Wunsch vieler, nach Palästina oder in die USA auszuwandern, und die Notwendigkeit einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ beim Wiederaufbau religiösen Lebens.

Besonders eindrücklich waren die biografischen Einblicke: Frau Zisler berichtete vom Schicksal ihres Vaters, der acht Konzentrationslager überlebte und nach dem Krieg in Straubing ihre Mutter kennenlernte. Sie selbst wurde 1955 in Straubing geboren; ihre Mutter konvertierte aus Liebe zu ihrem Mann zum Judentum. Über den Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern und dem bayerischen Judentum, der unter Ministerpräsident Stoiber geschlossen wurde, schlug sie den Bogen zur rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Gemeinden mit den christlichen Kirchen. In diesem Zusammenhang erinnerte sie auch an das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Bayern“, das 2021 begangen wurde.

Am Ende ihres Vortrags stellte Frau Zisler einen klaren Bezug zur Gegenwart her: Sie warnte vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus und rief die Jugendlichen dazu auf, einander kennenzulernen und sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Dabei betonte sie eindringlich: „Straubing und Niederbayern sind meine Heimat. Ich bin deutsche Staatsbürgerin – keine Christin, sondern Jüdin, aber Deutsche.“ Israel sei für sie ein Urlaubsland, nicht ihr politischer Bezugspunkt. Ihre Heimat bleibe Niederbayern. In diesem Zusammenhang sprach sie auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht an und machte deutlich, dass auch deutsche Jüdinnen und Juden selbstverständlich bereit seien, für die Bundesrepublik Deutschland einzustehen.

Im anschließenden offenen Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern – ausdrücklich unter dem Motto „Jede Frage ist erlaubt“ – entwickelte sich ein intensiver und ehrlicher Dialog. Auf Nachfragen berichtete Frau Zisler von ihren eigenen Schulzeit-Erfahrungen in den 1960er Jahren in Straubing: In der Grundschule seien Kinder vom Hausmeister nach Konfessionen und Herkunft getrennt worden; am Gymnasium seien freitags Gebetstafeln verlesen worden, in denen Juden pauschal für den Tod Jesu verantwortlich gemacht wurden – Erfahrungen, die ihr schmerzhaft ihre Andersartigkeit im katholischen Niederbayern vor Augen führten. Sie erläuterte die verschiedenen Strömungen des Judentums, sprach über ihre Israelreise als junge Frau, durch die sie das Leid ihres Vaters in der Shoa erst wirklich habe begreifen können, und erklärte anschaulich, warum sie ihren Glauben als „praktisch“ empfinde – etwa durch die Frauenempore und Spielmöglichkeiten für Kinder in der Synagoge, die religiöse Teilhabe ermöglichen. Auch schwierige Fragen fanden Raum: Ob sie jemals ans Auswandern gedacht habe, beantwortete sie offen mit „Ja“. Das Erstarken des Rechtsextremismus und alltägliche Anfeindungen machten ihr Angst. Bewegend war auch die Antwort auf die Frage, was ihrem Vater das Verzeihen ermöglicht habe: die Liebe zu seiner Frau – für ihn sei Liebe stets stärker gewesen als Hass, selbst im Land der Täter. 

Der Austausch endete mit einem eindringlichen Appell an Mitmenschlichkeit, Verantwortung und das Miteinander. Frau Zisler betonte, dass Geschichte niemals einfache Antworten liefere – und dass niemand sicher sein könne, wie er oder sie selbst in früheren Zeiten gehandelt hätte.

Abgerundet wurde die Begegnung durch eine Einladung an die Schülerinnen und Schüler, die Synagoge in Straubing zu besuchen und den Dialog fortzusetzen. Die Veranstaltung machte deutlich: Begegnung, Zuhören und gegenseitiges Verständnis sind zentrale Bausteine einer lebendigen Erinnerungskultur und unverzichtbar für ein demokratisches Zusammenleben heute.

Peter Hatzl / 05.03.2026