Mit großem Engagement, beeindruckender Spielfreude und bemerkenswertem schauspielerischem Können brachte das Oberstufentheater des St.-Gotthard-Gymnasiums Ödön von Horváths Drama Der jüngste Tag auf die Bühne. Die beiden Aufführungen in der Alten Turnhalle boten dem Publikum einen ebenso anspruchsvollen wie bewegenden Theaterabend, der weit über den Schlussapplaus hinaus nachwirkte.
Im Mittelpunkt des Stückes steht ein folgenschweres Zugunglück. Doch Horváth erzählt nicht die Geschichte einer technischen Katastrophe, sondern stellt die zeitlose Frage nach Schuld und Verantwortung. Wer trägt die Schuld, wenn menschliches Versagen, Angst und Verdrängung ineinandergreifen? Gibt es überhaupt einen einzelnen Schuldigen? Diese Fragen beschäftigten nicht nur die Figuren auf der Bühne, sondern regten auch das Publikum zum Nachdenken an.
In monatelanger Probenarbeit setzten sich die Schülerinnen und Schüler intensiv mit den vielschichtigen Charakteren Horváths auseinander. Das Ergebnis war eine Inszenierung, die durch große Authentizität und ein bemerkenswertes Ensemble überzeugte. Florian Koronczok gestaltete den Stationsvorsteher Thomas Hudetz mit eindrucksvoller Präsenz. Sein Wandel vom pflichtbewussten Beamten zum innerlich zerrissenen Menschen machte den schleichenden Zerfall seiner Figur auf eindringliche Weise sichtbar.
Juliane Schreiner verlieh der Figur der Anna große Tiefe. Zwischen jugendlicher Unbeschwertheit, selbstbewusster Entschlossenheit und wachsender Verzweiflung zeichnete sie die Ambivalenz einer Figur nach, deren Handeln schließlich verhängnisvolle Folgen auslöst. Jana Holzhammer setzte als kühle und distanzierte Ehefrau des Stationsvorstehers überzeugende Akzente und machte nachvollziehbar, wie schnell Vorurteile und Ausgrenzung das Urteil einer Dorfgemeinschaft bestimmen können.
Eine besonders beeindruckende schauspielerische Leistung zeigte Bibiana Doczyova, die gleich mehrere Rollen verkörperte. Ob als bodenständiger, bayrischer Waldarbeiter, als herrlich nörgelnder, osteuropäischer Lastwagenfahrer oder als Staatsanwalt – mit großer Wandlungsfähigkeit und feinem Gespür für unterschiedliche Charaktere verlieh sie jeder Figur ein eigenes Profil. Katharina Strauch überzeugte als besonnene Apothekerin, die sich unbeirrt auf die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit macht. Paul Lechner stellte den Fleischhauer Ferdinand als biederen, zugleich aber besitzergreifenden Verlobten Annas glaubwürdig dar.
Dass Horváths Drama trotz seiner existenziellen Fragen immer wieder von feinem Humor durchzogen ist, arbeitete das Ensemble mit großer Sicherheit heraus. Oliver Gehard als Wirt vom „Wilden Mann“, Johanna Gsödl als geschwätzige Leopoldine Leimgruber sowie Johanna Romeo, die sowohl als liebenswürdig-naive Kellnerin Leni als auch als herrlich überzeichneter Kosmetikvertreter mit französischem Akzent begeisterte, sorgten immer wieder für heitere Momente, ohne den Ernst des Stückes zu schmälern. Auch Karolina Jaekel überzeugte als pflichtbewusster, mitunter liebenswert übereifriger Gendarm und setzte mit sicherem komödiantischem Gespür wirkungsvolle Akzente.
Zu den eindrucksvollsten Momenten des Abends gehörten die atmosphärisch dichten Szenen vor der Kulisse des Viadukts. Hier verdichtete sich Horváths Botschaft: Schuld ist selten das Werk eines Einzelnen. Erst die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, eröffnet den Weg zu Versöhnung und Neubeginn. Die sensible Lichtgestaltung des Technikteams mit Paul Obermeier, Kilian Hartl, Felix Gegenfurtner und Niklas Schlegel unterstrich diese eindrucksvollen Bilder.
Einen wesentlichen Beitrag zur Wirkung der Inszenierung leistete auch die zurückhaltende, aber ausdrucksstarke Bühnenausstattung. Kunstlehrerin Johanna Steinbauer entwickelte gemeinsam mit der Schülerin Carina Stöger (Q12) ein durchdachtes Bühnenkonzept, das mit wenigen, bewusst gesetzten Kulissenelementen eindrucksvolle Schauplätze entstehen ließ. Ob Wirtshaus, Bahnhof oder das markante Viadukt – die künstlerisch gestalteten Bilder schufen den passenden Raum für das Spiel, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Gerade ihre Reduktion verlieh den Szenen große Ausdruckskraft und lenkte den Blick auf das Wesentliche: die Menschen und ihre Konflikte.
Für einen besonderen musikalischen Rahmen sorgte ein eigens für diese Produktion gegründetes Streichensemble aus fünf Schülerinnen.
Die Aufführung machte einmal mehr deutlich, wie bereichernd Theaterarbeit für das Schulleben ist. Sie verlangt Disziplin, Ausdauer und Teamgeist, eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, sich intensiv mit Literatur, Geschichte und grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen. Unter der Leitung von Sr. M. Gratia Rotter entstand so eine Inszenierung, die durch Ernsthaftigkeit, feinen Humor und beeindruckende schauspielerische Leistungen überzeugte.
Das Oberstufentheater und die Künstlerinnen des St.-Gotthard-Gymnasiums haben mit Der jüngste Tag eindrucksvoll bewiesen, dass Schultheater weit mehr sein kann als eine Aufführung zum Schuljahresende: ein gemeinschaftliches Projekt, das bewegt, zum Nachdenken anregt und allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Sr. M. Gratia Rotter, Fotos: A. Hüttinger / 02.07.2026





















































