Das diesjährige Ohefest stand unter dem Motto „What a wonderful world.“ Da passte ein Konzert gut, das sich dem persönlichen Blick auf die Welt widmete und darin besonders dem Spannungsfeld Heimat, Aufbruch, Fremde und Rückkehr. In diesen Bezügen ist die Welt mit den Gefühlen der Vertrautheit, der Entfremdung und vor allem der Sehnsucht verbunden. Speziell im romantischen Kunstlied schlägt sich dieses Gefühlsspektrum nieder. Am Sonntagnachmittag stellten der Bariton Jakob Schad und der Pianist Diego Mallén einen selbst zusammengestellten Liederkreis vor, der die Sehnsuchtsdynamik im Weltverhältnis behandelte.
Nun ist das Kunstlied eine durchaus pathetische Angelegenheit. Da geht es viel um Sehnen, um Herz und um Schmerz in raffinierten Sprachbildern der romantischen Dichter. Jakob Schads Interpretationskonzept setzt dabei jede Gefahr von Overacting und Überemotionalisierung von vorn herein außer Kraft. Er balanciert den Einsatz seiner sängerischen Ausdrucksmittel genau aus zwischen nötiger Objektivität und möglicher Emotionalität. Erstaunlicherweise entsteht durch diese klassische Haltung eine Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit in der Darstellung, die weder schwülstig, noch übertrieben erscheint. Dabei stehen dem jungen Sänger alle Register seiner wohlklingenden Stimme zur Verfügung. Er trumpft stimmlich auf, wenn es die Dramaturgie erfordert und sinkt lyrisch zurück im elegischen Ton der versonnenen Lieder. Mit Diego Mallén als hochsensiblen und klangschön spielenden Begleiter lotet er eine Farbigkeit aus, die alle emotionalen Levels der Empfindungen vom Weggehen bis zum Zurückkommen erfahrbar macht.
Ein Schwerpunkt des Ohefests ist es nun, Jugendliche in die Konzerte zu holen und dabei kreative Annäherungen an die vermeintlich nicht jugendkompatible Musik zu ermöglichen. Der hohe Ton der romantischen Gedichte ist von der Jugendsprache weit entfernt, was die Verständlichkeit oft erschwert.
Jonas Müller, der Intendant des Ohefests, hat deshalb angeregt, mit Schulklassen des St.-Gotthard-Gymnasiums einen Einführungsspaziergang zum Liedkonzert zu gestalten. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich darin frei assoziierend mit der Thematik auseinandersetzen. Unter der Anweisung von Katharina Naimer und Bernhard Falk erstellten Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen Kunstobjekte, die im Rahmen des Spaziergangs präsentiert wurden. Zudem performten sie Gedichte des Liederprogramms als flüsternder, schreiender und rapender Sprechchor. Durch die eigenen Bearbeitungen erschienen die Kunstlieder in der Aufführung nicht mehr aus einer anderen Zeit, sondern als aktuelle, persönlich relevante Botschaften. Wenn es das Anliegen des Ohefests ist, aufzuzeigen, dass die alte Kunst noch etwas zu sagen hat, dann ist die Herangehensweise, die Inhalte in die eigene Erfahrungswelt hereinzunehmen, ein wirkungsstarker Weg der Annäherung. Mut haben hier vor allem die Schülerinnen und Schüler bewiesen, ihre Ansichten in Objekten und im Rezitieren offenzulegen und für das Publikum einsehbar zu machen. Die Präsentation in der Liedhochkultur mit Jakob Schad und Diego Mallén erschien dann wie eine Fortsetzung ihres eigenen Ausdrucks. Eine geglückte und beglückende Synthese.
Text und Fotos: Bernhard Falk / 07.07.2026


















