Wie kommt eine kleine Gruppe ehemaliger Schülerinnen und Schüler des St.-Gotthard-Gymnasiums eigentlich nach Tallinn?
Manchmal braucht es dafür keinen jahrelang geplanten Schüleraustausch, keine komplizierten Antragsverfahren und keine monatelangen Verhandlungen. Manchmal genügt eine E-Mail.
Im Dezember 2025 kontaktierte Peter Hatzl kurzerhand den deutschen Botschafter in Estland, Jan Scheer. Der Hintergrund: Der Botschafter ist ehemaliger Niederalteicher. Die Antwort kam schnell, freundlich und völlig unkompliziert. Acht Monate später war aus dieser spontanen Kontaktaufnahme tatsächlich eine Reise geworden.
Vom 6. bis 10. August 2026 machte sich schließlich eine kleine Gruppe rund um das St.-Gotthard-Gymnasium auf den Weg nach Estland: sechs ehemalige Q13-Schülerinnen und -Schüler, die erst im Juni verabschiedet worden waren, Frater Vinzenz, Cellerar und Prior des Klosters Niederaltaich, sowie Peter Hatzl.
Dass diese Reise so außergewöhnlich werden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl noch niemand.
Respekt vor dem Fliegen – und dann kommt die Propellermaschine
Am 6. August ging es von München über Helsinki nach Tallinn. Einige Mitglieder der Gruppe hatten, vorsichtig formuliert, durchaus Respekt vor dem Fliegen. Umso größer war die Überraschung, als in Helsinki der Weiterflug in einer Propellermaschine stattfinden sollte.
Der Flug war – sagen wir es freundlich – durchaus spürbar. Es ruckelte, und nicht alle Mitreisenden entwickelten währenddessen eine größere Begeisterung für die Luftfahrt. Erst später erfuhren wir, dass diese Maschinen gerade auf dieser kurzen Strecke über die Ostsee besonders zuverlässig und sicher eingesetzt werden. Außerdem handelt es sich bei der Verbindung Helsinki–Tallinn um eine der kürzesten internationalen Flugstrecken überhaupt.
Beruhigend. Diese Information hätte man allerdings auch gerne vor dem Flug haben dürfen.
In Tallinn angekommen, blieb zunächst wenig Zeit zum Durchschnaufen. Nach dem Einchecken im Hotel hieß es schnell frisch machen und weiter zum Abendessen. Schließlich hatte uns Botschafter Jan Scheer eingeladen.
Zumindest dachten wir zunächst, wir müssten zur deutschen Botschaft.
Kleine Besonderheit Nummer zwei: Eingeladen waren wir nicht in die Botschaft, sondern in die Residenz des Botschafters. Also kehrtgemacht und auf zum richtigen Ziel.
Dort erwartete uns ein fantastisches Drei-Gänge-Menü – und vor allem ein ausgesprochen herzlicher Gastgeber. Der Abend war unterhaltsam, persönlich und geprägt von zahlreichen Gesprächen über Estland, seine Geschichte, seine Menschen und die politische Situation im Baltikum. Botschafter Scheer kam dabei selbst kaum zum Essen, weil er sich so viel Zeit für unsere Gruppe nahm. Der gesamte Austausch mit ihm war von Beginn an unkompliziert, freundlich und angenehm auf Augenhöhe – eine Erfahrung, die uns während der gesamten Reise begleiten sollte.
Mittelalter, Grünflächen und ein Regenschirm gegen schlechtes Wetter
Am Freitagvormittag hatte Botschafter Scheer für uns eine Stadtführung durch Tallinn organisiert – und auch gesponsored. Unser Stadtführer war Matthias Burghardt, seit 2006 Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde innerhalb der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
Tallinn beeindruckte uns sofort: eine außergewöhnlich grüne und saubere Stadt, deren hervorragend erhaltene mittelalterliche Altstadt einen besonderen Kontrast zur modernen, digitalen Gesellschaft Estlands bildet.
Neben zahlreichen historischen Informationen lernten wir auch etwas über die Berufsregeln eines Stadtführers: Aus Aberglauben müsse man immer einen Regenschirm dabeihaben. Obwohl für den gesamten Tag Regen vorhergesagt war, erlebten wir tatsächlich nur einen kurzen Schauer zu Beginn. Danach zeigte sich Tallinn von seiner besten Seite.
Vielleicht sollte man künftig die Wettervorhersage einfach durch ausreichend viele Stadtführer mit Regenschirmen ersetzen.
Nach einem Mittagessen in einer Pizzeria ging es mit einem Bolt-Fahrer – Estlands digitale Infrastruktur lässt grüßen – zum Mahnmal für die Opfer des Kommunismus am Strand von Pirita.
Der Besuch war einer der ersten sehr nachdenklichen Momente unserer Reise.
In unmittelbarer Nähe befinden sich auch Friedhöfe für deutsche und estnische Soldaten, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Gerade die Präsenz deutscher Gräber überraschte uns zunächst. Deutsche Soldaten waren schließlich in Estland Besatzer. Gleichzeitig wurde die deutsche Besatzung von Teilen der estnischen Bevölkerung zunächst auch als Befreiung von der vorherigen sowjetischen Herrschaft wahrgenommen. Die Geschichte Estlands ist eben – wie so oft – komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.
Besonders deutlich wurde uns, welchen Preis das Land im 20. Jahrhundert für seine Freiheit bezahlen musste. Die Folgen von Krieg, Besatzung, Deportationen und kommunistischer Diktatur sind bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses Estlands.
Den Rückweg ins Hotel legten wir anschließend zu Fuß zurück. Am Ende des Tages standen rund 23.000 Schritte auf dem Konto. Unterwegs besichtigten wir noch die Anlagen des ehemaligen Austragungsortes der Segelwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele 1980. Der Weg führte immer wieder an der Ostsee entlang – und machte deutlich, wie eng Natur und Stadtleben in Tallinn miteinander verbunden sind.
Narva: 200 Meter zwischen Freiheit und Unfreiheit
Der Samstag führte uns in den Osten des Landes nach Narva, der drittgrößten Stadt Estlands.
Doch schon der Weg dorthin war ein Erlebnis. Zunächst machten wir Halt im Lahemaa-Nationalpark und erkundeten eine typische Moorlandschaft. Danach ging es weiter in Richtung Osten.
Je länger die Fahrt dauerte, desto stärker blieb ein Eindruck hängen: Weite.
Endlose Straßen, viel Wald, wenig Besiedlung. Die Landschaft wirkte auf uns teilweise beinahe einsam und trist. Zwei weitere Stunden später erreichten wir Narva – und passenderweise zeigte sich das Wetter dort erstmals von seiner weniger freundlichen Seite: Bewölkung, Kälte und deutlich mehr Wind.
In Narva besichtigten wir die mächtige Hermannsfeste. Und plötzlich standen wir direkt an der Außengrenze der Europäischen Union und an der Grenze zu Russland.
Auf der anderen Seite des Flusses Narva liegt Iwangorod – ebenfalls eine Festung, allerdings auf russischem Staatsgebiet. Menschen auf der anderen Seite winkten uns zu.
Ein völlig surrealer Moment.
Nur wenige hundert Meter trennten uns voneinander. Und doch leben Menschen auf beiden Seiten dieser Grenze unter vollkommen unterschiedlichen politischen Bedingungen.
Unweigerlich stellten wir uns die Frage, warum ausgerechnet wir das Glück hatten, in Freiheit geboren zu werden – und andere Menschen, die wir von unserem Standort aus sehen konnten, nicht dieselben Möglichkeiten haben.
Man kann über Freiheit, Demokratie und Menschenrechte viel im Unterricht lesen und diskutieren. Man kann Definitionen lernen und politische Systeme vergleichen. Aber an einem Ort wie Narva erhalten diese Begriffe plötzlich eine andere Bedeutung.
Besonders eindrucksvoll waren auch die großen estnischen, ukrainischen und europäischen Flaggen an der Ostseite der Burg, direkt in Richtung Russland. Sie waren ein sichtbarer Ausdruck der unbedingten Solidarität Estlands mit Europa und der Ukraine – und machten deutlich, dass die Bedrohung durch Russland hier nicht als abstraktes Thema wahrgenommen wird.
Sie ist sichtbar. Jeden Tag.
Der Abschluss des Tages führte uns zurück in die Vergangenheit. Im ehemaligen Gutsherrenhaus von Palmse tauchten wir in die Geschichte der deutschbaltischen Oberschicht ein. Das Anwesen, das im 17. Jahrhundert mit der Familie von Pahlen verbunden war, beeindruckte durch seine weitläufige Parkanlage und eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen historischer Eleganz und „Bitte treten Sie nicht auf den Rasen“ lag.
Gottesdienst, Sonnenuntergang und der „Lange Hermann“
Am Sonntag ließen wir es etwas ruhiger angehen und bummelten nach einem ausgesprochen ausgiebigen Frühstück noch einmal durch Tallinn.
Am Nachmittag folgten wir der Einladung von Pfarrer Matthias Burghardt und besuchten den deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gottesdienst. Im Anschluss wurden wir von der Gemeinde bei Kaffee und Keksen herzlich empfangen – ein weiterer Beweis dafür, wie offen und gastfreundlich wir während unseres Aufenthalts aufgenommen wurden.
Am Abend genossen wir ein letztes gemeinsames Essen und den Sonnenuntergang über der Ostsee. Anschließend versuchten wir noch, das tägliche Einholen der Flagge auf dem „Langen Hermann“, dem markanten Turm des estnischen Parlaments, zu beobachten.
„Versuchten“ deshalb, weil man feststellen muss, dass auch eine kleine Reisegruppe mit sechs Abiturienten, einem Frater und einem Lehrer nicht automatisch zur professionellen Zeremonienbeobachtungseinheit wird.
Ein Gespräch zum Abschluss – und ein Koffer mit eigenen Plänen
Bevor es am Montag wieder zurück nach Deutschland ging, bummelten wir abschließend durch Tallinns Künstlerviertel und die Markthalle, besuchten das Fotografie-Museum. Danach trafen wir uns noch einmal mit Botschafter Jan Scheer im Kaminzimmer seiner Residenz.
Gemeinsam blickten wir auf die vergangenen Tage zurück und besprachen unsere Eindrücke. Dieses abschließende Gespräch war für uns besonders wertvoll, weil es Gelegenheit bot, die vielen Erlebnisse noch einmal zu sortieren und zu reflektieren.
Gleichzeitig konnten wir uns bei Botschafter Scheer noch einmal persönlich bedanken. Er hatte nicht nur den Kontakt zu unserer Gruppe unkompliziert ermöglicht, sondern sich auch um das Hotel, das Programm und zahlreiche organisatorische Details gekümmert. Vor allem aber hatte er sich während der gesamten Reise Zeit für uns genommen.
Der Heimflug über Helsinki nach München verlief anschließend problemlos.
Nun ja – fast problemlos.
Unser Gepäck hatte offensichtlich noch andere Pläne und entschied sich, einige zusätzliche Tage in Helsinki zu verbringen. Erst am Donnerstag trafen auch die Koffer wieder in Bayern ein.
Wir selbst hatten da längst wieder festen Boden unter den Füßen.
Was bleibt?
Estland wird uns als ein modernes, hochdigitalisiertes und gastfreundliches Land in Erinnerung bleiben – mit beeindruckend schnellem Internet, wunderschönen Landschaften, einer faszinierenden Hauptstadt und einer Geschichte, die überall präsent ist.
Vor allem aber hat uns diese Reise etwas bewusst gemacht, das sich vielleicht schwer in Worte fassen lässt.
Die Freiheit, in der wir leben, ist nicht selbstverständlich.
Demokratie ist nicht einfach ein Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt. Heimat ist mehr als der Ort, an dem man zufällig geboren wurde. Und Werte wie Freiheit, Menschenwürde und Demokratie leben davon, dass Menschen bereit sind, sie zu schützen und für sie einzustehen.
In Narva standen wir nur wenige hundert Meter von Russland entfernt. Auf der einen Seite eine europäische Demokratie, auf der anderen Seite ein autoritär regierter Staat.
Diese Nähe hat uns nachdenklich gemacht.
Wir sind mit vielen Eindrücken nach Estland gereist – und mit noch mehr Gedanken zurückgekehrt.
Die Esten wissen aufgrund ihrer Geschichte sehr genau, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist.
Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis unserer Reise: Wir sollten es auch wissen. Und wir sollten jeden Tag etwas dafür tun, dass es so bleibt.
Ein herzliches Dankeschön gilt deshalb Botschafter Jan Scheer für seine außergewöhnliche Unterstützung, seine Gastfreundschaft und die Zeit, die er sich für unsere Gruppe genommen hat, sowie Pfarrer Matthias Burghardt für die eindrucksvolle Stadtführung und die herzliche Aufnahme in seiner Gemeinde.
Oder, um es mit einem Satz zusammenzufassen:
Wir wollten eigentlich nur nach Estland reisen.
Zurückgekommen sind wir mit deutlich mehr als ein paar Fotos – und, mit leichter Verzögerung, schließlich auch mit unseren Koffern.
Peter Hatzl / 07.09.2026


































